Lebenskrise – und jetzt? Meine persönliche Geschichte…

Das Leben meint es nicht immer gut mit uns. Du steckst gerade in einer fetten oder vielleicht auch nur mittelschweren Lebenskrise? Du willst und kannst so einfach nicht mehr weitermachen? Ich war selbst auch schon in dieser Situation und möchte dir heute einen ganz persönlichen Einblick in mein Leben geben. Der folgende Text ist – mit minimalen Änderungen – ein kleiner Auszug aus meinem aktuellen Selbstcoaching-Handbuch zur Krisenbewältigung.

Plötzlich war die Panik da…

Auch ich habe schon die eine oder andere Krise in meinem Leben bewältigen müssen – wie so ziemlich jeder andere Mensch auch. Die einschneidendste Erfahrung in dieser Hinsicht begann jedoch im Frühjahr 1999. Ich war 22 Jahre alt und gerade von einer schweren Virus-Grippe wieder auf den Beinen, da fing es an. Ich bekam meine erste Panikattacke. Einfach so. Aus heiterem Himmel. Es gab absolut keinen für mich erkennbaren Anlass, keine auslösende Situation. Ich war zu diesem Zeitpunkt in einer glücklichen Beziehung, hatte gerade im Herbst zuvor mein Vordiplom bestanden und erlebte auf der Uni eine richtig schöne Zeit. Alles war in bester Ordnung.

Am Anfang konnte ich gar nicht einordnen, was da mit mir passierte. Ich vermutete eine körperliche Ursache, vielleicht als Folge der Virus-Grippe. Es stellte sich jedoch heraus, dass mir körperlich nichts fehlte.

Und es blieb nicht bei der einen Panikattacke. In den folgenden Monaten wurden sie mein ständiger Begleiter. Schon bald beherrschte die „Angst vor der Angst“ mein Leben. Die Panik überfiel mich in jeglicher Situation völlig unvorbereitet – egal ob ich gerade entspannt vor dem Fernseher lag, ein Buch las, spazieren ging, im Bus saß oder im Kino war. Ich erwachte selbst aus dem Schlaf heraus mit Panikattacken. Entsprechend konnte ich der Angst nicht mal „aus dem Weg gehen“. Sie kam zu mir.

Ich spürte die drohende Attacke schon immer kurz vorher. Ein dumpfes Gefühl in der Magengegend machte sich breit, ich wurde unruhig und dann folgte das volle Programm. Am Anfang war ich mir jedes Mal sicher, dass es jetzt soweit war – ich würde sterben. Das passierte (wie du sehen kannst) aber nie. Ich wurde auch nie ohnmächtig, obwohl ich auch das ständig befürchtete (und was bei vielen Panikgeplagten auch tatsächlich häufig passiert).

Die vorherrschenden Symptome bei mir waren starker Schwindel, Übelkeit, Herzrasen, Schweißausbrüche und ein überwältigendes Gefühl des Kontrollverlustes und der Todesangst. Ich konnte nicht einmal benennen, vor was ich Angst hatte. Das Gefühl war nur einfach da.

So eine Attacke dauerte akut dann meist nur etwa eine viertel Stunde, konnte sich jedoch mehrmals am Tag wiederholen. Es gab auch durchaus Tage, an denen ich keine Attacke hatte. Insgesamt fühlte ich mich aber einfach nicht gut. Die Angst, dass „es“ gleich wieder passiert, begleitete mich ständig und zermürbte mich. Besonders belastend fand ich, dass ich mir auch in keiner Weise erklären konnte, warum das mit mir passiert. Das musste doch eine Ursache geben? Wie sollte ich etwas an dieser Lage ändern, ohne den Grund zu kennen?

Klare Erkenntnis: Ich werde offenbar verrückt!

Dies führte schließlich zu dem für mich einzig logischen Gedanken: Ich werde verrückt! Ich bekomme offensichtlich gerade eine Geisteskrankheit!

Diese Erkenntnis war natürlich alles andere als hilfreich. Ich fühlte mich aber absolut ohnmächtig und nicht in der Lage, irgendetwas gegen meine Situation zu unternehmen. Ich war der Überzeugung, dass ich sowieso nichts tun kann und die Panik einfach stärker ist als ich.

Ich kapselte mich immer mehr von meiner Umwelt ab und war verzweifelt. Ich saß zu Hause, weinte viel und war völlig mit allem überfordert. Ich hatte das Gefühl, dass niemand versteht, was ich gerade durchmache. Es fehlte mir doch an nichts, ich hatte ein wunderbares Leben, war gut im Studium, hatte einen tollen Freundeskreis und eine Bilderbuch-Familie. Warum stellte ich mich also so an und hatte immer diese „Aussetzer“? Ich nahm niemand das Unverständnis übel – ich konnte es ja selbst nicht erklären. Ich hatte das Gefühl, mich selbst nicht mehr zu kennen und zu verstehen.

Es kam der Jahreswechsel zum neuen Jahrtausend und nachdem ich ein Resümee für das Jahr gezogen hatte, wurde mir klar: So kann und will ich auf keinen Fall weiterleben. Das ist kein hinnehmbarer Zustand für eine Zukunft. Offenbar ging das „Problem“ ja nicht von alleine wieder weg, was ich wohl irgendwie die ganze Zeit gehofft hatte. Ich steckte mitten in einer fetten Lebenskrise. Das ließ sich nicht leugnen.

Ich sah für mich nun zwei Möglichkeiten: Entweder ich beende das Ganze (dazu hatte ich allerdings keine konkrete Vorstellung), oder ich unternehme jetzt aktiv etwas und hole mir mein Leben zurück.

Nachdem mir recht schnell klar war, dass ich keinesfalls bereit war, mit Anfang 20 die Erde schon wieder zu verlassen, gab es also nur noch eine Option. Ich musste einen Weg finden, die Panikattacken los zu werden.

WIE ICH MEINE PANIKATTACKEN LOS WURDE

Gut. Ich hatte also den Entschluss gefasst, dass irgendetwas passieren musste. Aber was? Auch wenn ich nach wie vor unsicher war, ob nicht vielleicht doch irgendwas mit meinem Gehirn nicht stimmte und ich nicht doch einfach verrückt wurde, gab es dafür medizinisch wohl keinen Anlass.

Ich begann nun ganz systematisch, mich mit der ganzen Sache und insbesondere mir selbst auseinander zu setzen. Ich fühlte in mich hinein und versuchte, mich selbst und meine Denkmuster zu analysieren und zu verstehen. Ich war schon immer ein Mensch, der sehr viel über sich selbst und die Welt und das Leben an sich nachgedacht hat. Aber in dieser Extremsituation war irgendwie wieder alles ganz anders. Meine bisherigen Strategien und Verhaltensweisen funktionierten jetzt nicht mehr.

Ich fragte mich, was ich denn bis jetzt unternommen hatte, um die Panik loszuwerden.

Mir wurde bewusst, dass ich die meiste Zeit eigentlich damit verbracht hatte, mich innerlich gegen die Panik zu wehren. Ich wollte einfach nicht wahrhaben, dass diese Attacken jetzt einfach so plötzlich da waren. Da war etwas, das ich nicht kontrollieren konnte und auf das ich keinen Einfluss hatte. Ich hatte schon immer gerne die Dinge unter Kontrolle und war ein großer Fan von Struktur, Pläne machen und die Zügel in der Hand halten. Das ging nun mit der Panik nicht mehr. Ich konnte es einfach nicht hinnehmen oder gar akzeptieren, dass ich jetzt tatsächlich nicht mehr die Kontrolle über mich hatte.

Anstatt verbissen zu überlegen, wie ich die Kontrolle wiedererlangen könnte, fragte ich mich, ob es überhaupt wirklich so unfassbar wichtig ist, immer alles in der eigenen Hand zu haben, alles zu planen und jede Eventualität vorhersehen zu können. Musste ich immer Herr der Lage sein?

Ich hatte die Angst und Panik bisher immer als etwas absolut Bedrohliches, von außen Kommendes und auf keinen Fall zu mir Gehöriges empfunden. Es kam mir so vor, als würde eine fremde Macht Besitz von mir ergreifen. Und gegen diesen Angreifer hatte ich mich verzweifelt gewehrt.

Jetzt kam mir der Gedanke, dass die Angst vielleicht gar kein böser Dämon ist, der mich heimsucht, sondern vielmehr irgendwie ein Teil von mir selbst. Auch wenn ich diesen Teil aktuell keinesfalls mochte, konnte es ja vielleicht doch sein, dass ich die Angst auf irgendeine Art und Weise selbst produzierte und sie mich möglicherweise auf irgendetwas hinweisen will, was ich bisher ohne sie nicht gesehen oder kapiert hatte.

Annehmen statt bekämpfen

Ich versuchte es jetzt also mit der genau gegensätzlichen Strategie wie bisher: Anstatt gegen die Angst anzukämpfen, wollte ich versuchen, sie irgendwie anzunehmen und zu akzeptieren.

Das auch in die Tat umzusetzen fiel mir zugegeben sehr schwer. Es ist ja bekanntlich immer ein großer Unterschied zwischen Theorie und Praxis. Ich hatte aber ja genügend Gelegenheiten zu „üben“ – denn die Angst war natürlich nach wie vor da.

Ich hielt mich irgendwie mit dem Gedanken über Wasser, dass das alles jetzt einfach gerade eine schwierige Phase in meinem Leben ist und ich in ein paar Jahren oder Jahrzehnten irgendwann auf diese Zeit zurückblicken werde. In meiner Vorstellung lebte ich in der Zukunft ein glückliches und panikfreies Leben und war stolz darauf, die Angst hinter mir gelassen zu haben.

Auch wenn ich es mir zum damaligen Zeitpunkt nicht wirklich vorstellen konnte, war ich trotzdem überzeugt, dass ich diese Krise überwinden werde. Mir blieb ja auch gar nichts anderes übrig, als daran zu glauben. Die Alternativen waren ja nicht gerade besonders attraktiv.

Ich übte mich also darin, die Panik nicht mehr als meinen Feind zu bekämpfen, mehr loszulassen und Dinge einfach geschehen zu lassen.

Tatsächlich kam ich eines Tages an den Punkt, an dem ich erneut bei einer Panikattacke dachte, dass ich diesmal nun wirklich einfach sterben würde. Dieses Gefühl kam mir nach den Attacken dann immer selbst etwas albern vor, weil ich ja offensichtlich jedes Mal unbeschadet daraus hervor ging. Währenddessen war ich aber wirklich immer absolut überzeugt davon, dass es diesmal soweit ist.

Dann sterbe ich jetzt eben einfach…

Ich wollte natürlich keinesfalls sterben – ich hatte mich ja gerade aktiv dazu entschlossen, die Angst überwinden zu wollen. Und dann passierte etwas Interessantes: Mir kam mitten in der Panikattacke die Erkenntnis, dass ich sowieso nichts dagegen tun könnte, wenn ich jetzt wirklich sterbe. Jeder muss irgendwann einmal sterben, das lässt sich nicht vermeiden. Und dann ist es jetzt eben bei mir soweit. Es würde also nicht das Geringste bringen, wenn ich mich dagegen wehrte, diesen inneren Aufstand konnte ich mir also eigentlich sparen. Gleichzeitig mit dieser Einsicht beruhigte ich mich seltsamerweise deutlich. Offenbar wich die Panik in gleichem Maße, wie ich nicht mehr gegen sie ankämpfte.

Dies änderte jedoch nichts daran, dass trotzdem weitere Panikattacken folgten. Ganz so schnell ging es dann also nicht.

Sehr hilfreich fand ich es auch, ganz bewusst auf meinen Atem zu achten. Bei Angst beschleunigt sich die Atmung normalerweise stark und man steigert sich so immer weiter in den Panikzustand hinein. Anfangs fiel mir das sehr schwer, ich hatte sogar das Gefühl, dass mich diese Konzentration auf Atmung und Herzschlag erst recht unruhig machte. Mit der Zeit entwickelte sich das jedoch zu einer wirklich sehr nützlichen Methode, gezielt auf den Körper einwirken zu können und sich selbst nicht mehr als passives Opfer zu erleben.

Ähnlich nützlich war auch die Anwendung von gezielten Entspannungsmethoden. Ich probierte es mit Autogenem Training und Progressiver Muskelentspannung, was ich beides als sehr hilfreich empfand. Je nach Situation habe ich die eine oder die andere Methode angewendet, das ist eine persönliche Geschmackssache und muss einfach ausprobiert werden. Ich nutze beide Techniken auch heute noch.

Die Angst als Kraftquelle

In mir machte sich zudem ein spannender Gedanke breit: Wenn die Angst etwas ist, was ich selbst hervorbringe und sie zu mir gehört, kann ich diese unglaubliche Kraft nicht vielleicht anderweitig nutzen und zu positiveren Gefühlen umwandeln? Ich begann, die Angst als eine potentielle Kraftquelle zu sehen, die ich bislang einfach noch nicht in die richtigen Bahnen lenken konnte.

Darüber hinaus fokussierte ich mich bewusst auf die kleinen schönen Dinge im Leben. Besonders das bewusste Erleben der Natur tat mir sehr gut. Sei es die kleine Blume am Wegesrand, der Sternenhimmel bei Nacht, die Geräusche des Waldes oder Sonnenstrahlen, die die sich im Blätterdach eines Baumes brechen – überall erkannte ich in der Schönheit der Natur, dass es so viel Größeres und Wichtigeres als mich und meine kleinen Problemchen gab.

Insgesamt fand ich es nützlich, mir immer wieder vor Augen zu führen, was es Schönes und Lebenswertes um mich herum gab.

Außerdem hat mich auch schon immer der Gedanke nicht losgelassen, dass es anderen Menschen noch viel schlechter geht als mir und sie trotzdem nicht aufgeben. Ich habe daher mit großem Interesse Lebensgeschichten anderer Menschen gelesen und verfolgt. Ich empfand es als sehr inspirierend, wie andere versuchen, das Beste aus ihren Möglichkeiten zu machen und oftmals gerade erst aufgrund eines Handicaps oder Schicksalsschlags zu den glücklichen und erfolgreichen Menschen geworden sind, die sie jetzt sind.

Und nicht zuletzt habe ich mich sehr eingehend mit dem Thema Ängste und Panik auch von wissenschaftlicher Seite beschäftigt und alles Verfügbare an Fachliteratur gelesen. Schließlich habe ich sogar meine Diplomarbeit zum Thema Angststörungen geschrieben.

Weg mit der Angst!

Ich bin also in jeder Hinsicht in die Offensive gegangen, habe mich selbst komplett hinterfragt, alte Gewohnheiten und Denkmuster aufgelöst und allmählich durch neue ersetzt. Das geht natürlich alles nicht von heute auf morgen und ist ein kontinuierlicher Prozess, der seine Zeit braucht und nicht erzwungen werden kann.

Letztlich habe ich es aber so geschafft, die Angst und Panik loszuwerden. Die Attacken verloren ihren Schrecken, sie wurden seltener und verschwanden schließlich ganz. Bis heute (Stand 2018) habe ich nie wieder eine einzige Attacke gehabt oder auch nur das Gefühl, dass die Panik zurückkommen könnte. Ich kann gar nicht mehr genau sagen, wann die definitiv letzte Panikwelle über mich hinweg gerollt ist, aber ganz sicher war das erste Jahr mit der Angst das allerschlimmste. Nach ca. 1,5 Jahren hatte ich mein Leben wieder ziemlich zurück gewonnen und ungefähr 3 Jahre nach der ersten Attacke gehörte das ganze Thema für mich endgültig der Vergangenheit an. Bis heute weiß ich nicht, woher die Attacken kamen und eigentlich ist es auch völlig egal. Wir müssen uns damit abfinden, dass wir nicht alles im Leben ergründen können, manche Dinge passieren einfach und sind so wie sie sind.

———

Soweit der Auszug aus dem Buch. Deine Krise kann natürlich ganz anders aussehen. Die Auswirkungen auf unser Leben sind aber häufig ziemlich ähnlich.

Wenn du wissen willst, wie diese Krise mein Leben verändert hat und wie auch du einen Weg raus aus deiner persönlichen Krise finden kannst, dann schau dir doch mal mein Selbstcoaching-Handbuch zur Krisenbewältigung an!

Hier findest du alle Informationen dazu (einfach auf das Buch klicken!):

Hast du auch schon mal eine Lebenskrise überwunden? Wie hast du das geschafft? Oder steckst du vielleicht gerade mittendrin? Lass uns an deinen Gedanken hier in den Kommentaren teilhaben!

 

Titelbild: Ich im Tulpenfeld by Toni B.Gunner

2 Kommentare
  1. Lisa sagte:

    Liebe Andrea,
    vor bald zwei Jahren hatte ich eine Zeit, in der auch ich mit leichten Panikattacken zu kämpfen hatte. Im Gegensatz zu dir wusste ich allerdings gleich zu Beginn, woran es lang. Dass die besagte Situation nur temporär war, half mir ungemein und seitdem ist mir etwas in der Art zum Glück auch nie wieder passiert.
    Bewundernswert, wie du aus diesem Loch wieder herausgefunden hast!
    Viele liebe Grüße,
    Lisa

    Antworten
    • Dr. Andrea Heinzelmann sagte:

      Liebe Lisa,
      vielen Dank für deine Worte und den Einblick in deine Erfahrungen! Ich finde es wichtig und ganz toll, dass mittlerweile immer mehr Menschen offen mit solchen Dingen umgehen. Man glaubt immer gar nicht, wie viele Menschen ähnliches erlebt haben und auch aktuell gerade erleben. Da man psychisches Leid von außen nicht so einfach sehen kann, bleibt es von der Umwelt oft unbemerkt. Betroffene fühlen sich dann oft noch mehr allein und unverstanden, weil sie denken, dass es allen anderen ja ganz prächtig geht. Daher finde ich es wirklich toll, dass in den letzten Jahren immer offener mit solchen Themen umgegangen wird und man durch persönliche Geschichten anderen Mut machen und zeigen kann, dass niemand damit allein sein muss.
      Liebe Grüße von Andrea

      Antworten

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